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28.01. 2008

Berufsbildung

Flexible, aufbauende Ausbildungswege in der Berufsbildung

Prof. Eckart Severing votiert für eine größere Flexibilität in der beruflichen Bildung: Ausgehend von den Beratungen des „Innovationskreises Berufsbildung“, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2006 einberief, wurden eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Organisation der Berufsbildung vorgelegt. Die Frage der Integration von Benachteiligten wurde - zumindest in einige Vorschlägen - nicht ausgespart. Anders als andere Bereiche des Bildungssystems: blieb die Berufsbildung bis zum vergangenen Jahr von Strukturdebatten weitgehend verschont. Das lag vor allem daran, dass vor allem bei den Institutionen, denen die Regelung und Pflege der dualen Berufsausbildung anvertraut ist, das Urteil feststand, dass die Berufsausbildung in Deutschland im Kern ausgezeichnet funktioniere und höchstens vor der Ausbildung: bei der Ausbildungsreife der Schulabgänger, oder nach der Ausbildung: beim konjunkturell zeitweise eingeschränkten Fachkräftebedarf der Wirtschaft gravierende Probleme bestünden. Dieser Einschätzung folgend bezogen sich bildungspolitische Programme vor allem auf die temporäre Finanzierung von Übergangsmaßnahmen für unversorgte Ausbildungsaspiranten und auf Unterstützungsleistungen für und Appelle an potentielle Ausbildungsbetriebe. Diese These greift zu kurz: Daher gilt es, die Inhalte und Zertifikate des Übergangssystems so weit als möglich mit denen der betrieblichen Ausbildung kompatibel zu halten: nur so werden Brüche zwischen den Teilsystemen der Berufsbildung vermieden, die zu unproduktiv investierten öffentlichen Mitteln führen und die auf Seiten der Jugendlichen Maßnahmekarrieren und Resignation befördern.
DIE BERUFSBILDUNG IST IN DIE DISKUSSION GERATEN Die Diskussion um die Veränderung des Ausbildungssystems bzw. der beruflichen Bildung reist nicht ab. Mit der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung sollen - vor allem junge Menschen - Aufstiegsmöglichkeiten durch Teilhabe an Bildung ermöglicht werden. Das aus der Initiative resultierende Programm 'Perspektive Berufsabschluss' fördert die Entwicklung und Erobung von Modellen abschlussbezogener Nachqualifizierung. Nicht abschließend geklärt ist die Frage, wie benachteiligte Jugendliche an Bildungsprozessen, speziell der beruflichen Bildung und Berufsausbildung teilhaben können, ohne unzählige Warteschleifen durchlaunfen zu müssen. Das eine Flexibilisierung der Ausbildungswege notwendig ist, wird mittlerweile nicht mehr in Frage gestellt. Wesentlich zur fachlichen Diskussion beigetragen hat eine Studie von Euler und Severing. In nachstehendem Beitrag hält Prof. Severing ein Plädoyer für mehr Felxibilität und führt aus seiner Sicht notwendige Veränderungen zum bestehendne Stauts Quo auf. Ein Beitrag von Prof. Eckart Severing zur Flexibilisierung in der beruflichen Bildung: " Die Berufsbildung ist die Diskussion geraten. Ausgehend von den Beratungen des „Innovationskreises Berufsbildung“, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2006 einberufen hat, sind eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Organisation der Berufsbildung von Wissenschaftlern und Wirtschaftsverbänden vorgelegt worden. Bei dieser Inflation von Vorschlägen ist zunächst bemerkenswert, dass nach einem Jahrzehnt überhaupt wieder über die Notwendigkeit flexiblerer Strukturen der Berufsausbildung diskutiert wird und dass – zumindest in einigen Vorschlägen – das sog. „Übergangssystem“ und die Frage der Integration von Benachteiligten nicht ausgespart blieben. Anders als andere Bereiche des Bildungssystems: Vorschule, Schule und Hochschule blieb die Berufsbildung bis zum vergangenen Jahr von Strukturdebatten weitgehend verschont. Das lag vor allem daran, dass vor allem bei den Institutionen, denen die Regelung und Pflege der dualen Berufsausbildung anvertraut ist, trotz unüber-sehbarer Krisensymptome das Urteil feststand, dass die Berufsausbildung in Deutschland im Kern ausgezeichnet funktioniere und höchstens vor der Ausbildung: bei der Ausbildungsreife der Schulabgänger, oder nach der Ausbildung: beim konjunkturell zeitweise eingeschränkten Fachkräftebedarf der Wirtschaft gravierende Probleme bestünden. Die gültige These war, dass sich Disproportionen auf dem Ausbildungsstellenmarkt mit einem wirtschaftlichen Aufschwung und mit dem demo-grafisch bedingten Rückgang nachfragender Jugendlicher ohne weiteres beheben würden. Dieser Einschätzung folgend bezogen sich bildungspolitische Programme vor allem auf die temporäre Finanzierung von Übergangsmaßnahmen für unversorgte Ausbildungsaspiranten und auf Unterstützungsleistungen für und Appelle an potentielle Ausbildungsbetriebe. Diese These greift zu kurz: Gerade weil die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im Dualen System auf der einen Seite und das betriebliche Angebot auf der anderen Seite keinen inneren Zusammenhang aufweisen, fallen sie regelmäßig auseinander. Die demografische Entwicklung, die schulischen Abschlüsse und die Berufswünsche der Jugendlichen, welche Umfang und Art der Nachfrage bestimmen, treffen auf ein davon unabhängiges Ausbildungsstellenangebot, das unter anderem von betrieblichen Erwartungen zum künftigen Fachkräftebedarf und von der aktuellen konjunkturellen Situation bestimmt wird. Zudem gehen weitere wesentliche Faktoren in das betriebliche Ausbildungskalkül bzw. die Ausbildungsentscheidungen von Jugendlichen ein, die weder so unausweichlich gegeben noch so schlicht fassbar sind wie Konjunktur und Demografie und die sich daher ohnehin nicht einmal in Aufschwungphasen von allein erledigen. Ein Übergangssystem, das Disproportionen zwischen Ausbildungsstellennachfrage und – angebot abpuffert, ist daher nicht eine temporäre Ausnahme, sondern die Regel und der notwendige Preis dafür, dass aus guten Gründen eine bedarfsgerechte Ausbildung über die Betriebe an den Arbeitsmarkt angekoppelt sein soll. Daher gilt es, die Inhalte und Zertifikate des Übergangssystems so weit als möglich mit denen der betrieblichen Ausbildung kompatibel zu halten: nur so werden Brüche zwischen den Teilsystemen der Berufsbildung vermieden, die zu unproduktiv investierten öffentlichen Mitteln führen und die auf Seiten der Jugendlichen Maßnahmekarrieren und Resignation befördern. Genau an dieser Kompatibilität hat es aber den vielfältigen Programmen, Projekten und Maßnahmen im Übergangssystem bislang gefehlt. Ihre Inhalte waren von Träger zu Träger unterschiedlich und für die Unternehmen wenig transparent. Ihre Zertifikate waren kaum in klarer Weise auf Ausbildungsabschnitte der betrieblichen Ausbildung bezogen. 1. DIE AUSGANGSPUNKTE Die duale Berufsausbildung zeichnet sich durch eine einzigartige Verbindung der Lernorte Betrieb und Schule aus. Das begründet ihre Leistungsfähigkeit bei der beruflichen Integration der Jugendlichen und ihre internationale Ausstrahlung. Wir dürfen darüber aber nicht verkennen, dass mittlerweile nur noch 58% der Schulabgängerinnen und Schulabgänger in eine duale Ausbildung einmünden. 1992 waren es noch 77%. Zwischen 50% und 60% besuchen Praktika, Ausbildungsvorbereitungsmaßnahmen, andere Formen der Berufsausbildung oder werden ohne abgeschlossene Ausbildung erwerbstätig oder arbeitslos. Auf der einen Seite sind in dieser Situation konkrete Unterstützungsleistungen für Jugendliche notwendig, denen der Übergang aus der allgemeinbildenden Schule in eine duale Ausbildung nicht gelingt, obwohl sie ihn anstreben. Es reicht allerdings nicht, nur die Vorbereitung der Jugendlichen auf eine Berufsausbildung zu verbessern die Anschlussfähigkeit der Vorbereitungsmaßnahmen insgesamt bedarf einer Verbesserung. Wir müssen uns daher auch strukturellen Fragen der Übergänge zur Berufsausbildung zuwenden. Die Bildungsmaßnahmen, die der regulären Ausbildung vor oder parallel gelagert sind, sind weder untereinander noch mit den Inhalten der Ausbildung systematisch verzahnt. Dies führt bei den Jugendlichen zu schwierigen Übergängen im Ausbildungsverlauf, zu einer längeren Ausbildungsdauer und zu Motivationsverlust. Gesellschaftlich bedingt es einen hohen Ressourcenaufwand für Bildungsmaßnahmen, die letztlich nicht ausreichend produktiv werden: So wird vieles aus der Ausbildungsvorbereitung in einer Ausbildung nur wiederholt und ist ohne eine anschließende Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt fast wertlos. Daher ist zu fragen, wie die Vorbereitungsmaßnahmen und schulischen Ausbildungen, sofern sie die Funktion eines Angebotspuffers für betriebliche Ausbildungen erfüllen, besser in eine nachfolgende Ausbildung integriert werden können und auch für sich auf dem Arbeitsmarkt besser verwertbar gemacht werden können. Das wäre nicht nur von Vorteil für die Jugendlichen in Vorbereitungsmaßnahmen es würde auch den ausbildenden Unternehmen helfen, Vorleistungen der Ausbildungsvorbereitung besser zu nutzen und in ihre Ausbildungsorganisation schlüssig zu integrieren. Es geht dabei nicht um Sonderlösungen für eine Branche, einen Beruf oder eine besondere Zielgruppe unter den Jugendlichen. Viele solcher Vorschläge sind gemacht und umgesetzt worden, und die guten unter ihnen haben zur Lösung der partikularen Probleme beigetragen, denen sie abhelfen sollten. Im Ergebnis aller dieser Reparaturen, Erweiterungen und Sonderprogramme zur dualen Berufsausbildung hat das Ausbildungssystem aber insgesamt einen Grad an Komplexität erreicht, der nicht funktional, sondern nur noch historisch begründbar ist und der es für die Jugendlichen und für die Unternehmen schwer durchschaubar macht. Seine alte Eleganz hat es eingebüßt. Daher ist nicht ein mehr an Komplexität, sondern Vereinfachung angesagt: eine Struktur, die quer zur dualen Ausbildung, zur Berufsausbildung in Schulen und zur Berufsausbildungsvorbereitung allgemeine Leitlinien fixiert und damit zur Integration dieser Bereiche, zu neuer Übersichtlichkeit und zu mehr Flexibilität beiträgt. Das wird nicht gehen, ohne dass die Berufsausbildung selbst klar, systematisch und berufsübergreifend strukturiert wird. Dabei müssen zum einen die Übergänge aus vorgelagerten Bildungsbereichen besser ermöglicht werden. Zum anderen ist zu prüfen, welche Vorteile eine über Ausbildungsbausteine gegliederte Ausbildung für die ausbildenden Unternehmen hat und wie sie zu besseren Anschlüssen für nachgelagerte Bildungsbereiche in Weiterbildung und Studium führen kann. Wesentliche Ziele der Vorschläge, die Dieter Euler und ich im „Innovationskreis Berufsbildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gemacht haben, sind eine systematische Flexibilisierung der Ausbildung für die Ausbildungsunternehmen, die Reduktion von „Warteschleifen“ für benachteiligte Jugendliche und eine bessere Einbindung vollzeitschulischer Angebote. Betriebliche Ausbildungsressourcen stellen einen wesentlichen Engpass in der Gestaltung der Berufsausbildung dar. Seit vielen Jahren übersteigt die Nachfrage nach betrieblichen Ausbildungsplätzen das Angebot. Es treffen stark besetzte Nachfragejahrgänge auf ein verengtes Ausbildungsangebot. Bildungspolitische Handlungsfelder zur Gewährleistung einer besseren Versorgung der Jugendlichen mit betrieblichen Ausbildungsplätzen lagen in den vergangenen Jahren in einer Beschleunigung der Ordnungsarbeit, in einer Reihe von teilweise umfangreich ausgestatteten Akquisitions und Unterstützungsprogrammen auf Ebene des Bundes, der Länder und der Bundesagentur für Arbeit und in einer Reduzierung der Anforderungen an ausbildende Betriebe – etwa durch die Aussetzung der Ausbilder-Eignungsverordnung seit 2003. Die Struktur der Berufsausbildung selbst ist in diesen Jahren – anders als in Nachbarländern mit einer ebenfalls dualen Berufsausbildung – im Grundsatz unverändert geblieben. Die Wirksamkeit von Akquisitions und Unterstützungsprogrammen, welche die betriebliche Ausbildungsbereitschaft fördern, ist durch die Evaluation bisheriger Programme und Initiativen zwar belegbar. Sie kann aber die Verschlechterung der Angebots und Nachfrage-Relation auf dem Ausbildungsstellenmarkt nicht annähernd kompensieren. Veränderungen an den Strukturen der Ausbildung, die dazu beitragen, mit dem aktuellen Mangel an betrieblichen Ausbildungsressourcen besser umzugehen, tun not. Modernisierungen der Strukturen der Ausbildungen dürften sich allerdings nicht nur daran messen lassen. Sie sollten grundsätzlich zur Verbesserung der Reagibilität der dualen Ausbildung an die sozialen und ökonomischen Entwicklungen und ihrer Attraktivität für Jugendliche und Unternehmen beitragen. Es geht auch darum, die duale Ausbildung im Wettbewerb der Bildungsgänge für Zeiten eines Fachkräftemangels vorzubereiten – der in einigen Regionen und Berufsfeldern bereits heute bemerkbar ist. 2. MEHR DIFFERENZIERUNG IN DER BERUFSBILDUNG Heute mangelt es an einer Differenzierung der Eingangsvoraussetzungen und Abschlüsse der dualen Ausbildung in Deutschland. Das mindert ihre Zugänglichkeit für schwächere Ausbildungsaspiranten und ihre Attraktivität für Leistungsstarke. Die Rechtsfiktion einheitlicher Eingangsvoraussetzungen, monolithische Ausbildungsgänge und das formell einheitliche Niveau der Berufsabschlüsse führen dazu, dass schwächere Jugendliche von einer Berufsausbildung ausgegrenzt werden, und dazu, dass – auch im bevorstehenden Wettbewerb der dualen Ausbildung mit Bachelor-Studiengängen – qualifizierte Schulabgänger in Zukunft möglicherweise nicht mehr gewonnen werden können: Die duale Ausbildung erodiert an ihren Rändern. Ein Wettbewerb der Ausbildungsgänge am oberen Ende – zwischen komplexen Ausbildungsberufen und Bachelorstudiengängen – mag ein Problem für die Positionierung des dualen Ausbildungssystems darstellen er ist keines für die Bildungsnachfrager. Am unteren Ende jedoch bleibt die duale Ausbildung vielen verschlossen, die sich dann ohne jede gesellschaftlich anerkannte Qualifikation verdingen müssen. Das Berufsbildungssystem hat dem Umstand Rechnung zu tragen, dass sich Jugendliche im Hinblick auf ihre Leistungs und Motivationsvoraussetzungen bei der Einmündung in sowie der Durchführung einer Ausbildung unterscheiden. Die Qualifizierungsanforderungen ebenso wie die Voraussetzungen der Jugendlichen und der Betriebe sind hochgradig differenziert – und ein Ausbildungssystem muss dies in seinen Ausbildungsgängen und Zertifikaten auch abbilden können. Es ist problematisch, wenn es sich der Differenzierung nach unten und innerhalb der Ausbildungsgänge verschließt. Die mangelnde Binnenstrukturierung der deutschen dualen Ausbildung führt dazu, dass die duale Ausbildung im Grundsatz nur einen definierten Eintritts und einen Austrittspunkt kennt. Zwischeneinstiege sind schwierig und vorzeitige Ausstiege führen nicht zu einer Anerkennung der Qualifikation. Das mag kein Problem darstellen, solange die reguläre duale Ausbildung fast allen Jugendlichen, welche sie anstreben, ausreichende Angebote machen kann. Diese Zeiten sind aber seit Langem vorüber. Ein großer Teil der Jugendlichen mündet nach der Schule in solche Bildungsangebote ein, die auf eine anerkannte Berufsausbildung erst vorbereiten sollen. Diese Bildungsmaßnahmen im Übergangssystem von Schule zu Ausbildung führen zu keinem qualifizierten und auf dem Arbeitsmarkt anerkannten beruflichen Abschluss. Sie können zur Verbesserung der individuellen Ausbildungseignung ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwar beitragen ihre Anrechnung auf eine nachfolgende Ausbildung ist aber nicht systematisch geregelt. Dadurch ergeben sich zumindest für ausbildungsreife, also „marktbenachteiligte“ Jugendliche demotivierende Warteschleifen. Im besten Fall kommt es zu Wiederholungen in einer anschließenden Ausbildung. Im schlechten Falle – wenn der Übergang in Ausbildung nicht unmittelbar gelingt – sind Lernergebnisse weder auf dem Arbeitsmarkt noch im späteren Bildungsverlauf verwertbar. Auch der Wechsel zwischen betrieblicher und vollzeitschulischer Ausbildung ist durch die mangelnde Binnenstrukturierung der Ausbildung behindert. Es fehlen definierte Übertrittspunkte zwischen parallelen Bildungsgängen. Das ist hinnehmbar, solange vollzeitschulische Angebote in der Regel andere Berufe abdecken – etwa im Gesundheitsbereich – als betriebliche Ausbildungen. Sobald aber die vollzeitschulische Ausbildung die Rolle eines „Konjunkturpuffers“ für mangelnde betriebliche Ausbildungsstellen übernimmt, ist diese Abgrenzung problematisch. Spätestens mit der Aufwertung der vollzeitschulischen Ausbildung im Berufsbildungsgesetz 2005 ist dies der Fall. Ein Wechsel der Lernorte – zum Beispiel eine vollzeitschulische Ausbildung im ersten Jahr und dann eine betriebliche Ausbildung oder eine schulische Fortführung einer im Betrieb abgebrochenen Ausbildung – sollte auf transparente Weise unter Anrechnung aller erbrachten Lernleistungen erfolgen können. 3. STANDARDISIERTE AUSBILDUNGSBAUSTEINE ALS INSTRUMENT ERHÖHTER FLEXIBILITÄT DER AUSBILDUNG Eine modulare Gliederung von Ausbildungsgängen wird zwar seit Langem diskutiert, ist bislang aber in Deutschland nur in ersten Ansätzen und dann auch nur in Bezug auf die curriculare Strukturierung einzelner Berufe umgesetzt worden. In der Regel ging es um mehr Flexibilität innerhalb der Ausbildung in einem spezifischen Beruf. Möglichkeiten der Integration von vertikal oder horizontal verbundenen Bildungsgängen blieben außerhalb der Betrachtung. Eine lernortübergreifende Modularisierung der Berufsausbildung könnte aber in Bezug auf die skizzierten Probleme eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen: 1. Ausbildungsgänge könnten nicht mehr nur als monolithische Einheiten von mehrjähriger Dauer, sondern auch in flexibleren Formen zum Abschluss führen. Die Adaption an veränderte Anforderungen der Auszubildenden oder der Unternehmen gelänge in Ausbildungsbausteinen leichter als für ganze Berufsbilder die Planungsvorläufe verringerten sich. 2. Der Weg zu einem Berufsabschluss kann so gestaltet werden, dass positive Effekte, die mit der Erreichung von Zwischenetappen verbunden sind (Qualifikationsnachweis für den Arbeitsmarkt, Motivation durch Kompetenzerleben etc.), genutzt werden können. Bisherige Ausbildungsabbrecher haben dann immerhin anerkannte Zwischenstufen erreicht, auf denen später aufgesetzt werden kann. Auf der anderen Seite finden Jugendliche aus der Ausbildungsvorbereitung, die ebenfalls standardisierte Ausbildungsabschnitte absolvieren, leichter Anschluss in der betrieblichen Ausbildung. Gleiche Abschlüsse können durch unterschiedliche Lernortkombinationen realisiert werden. 3. Der bestehende Gegensatz zwischen hochgradig geregelter dualer Ausbildung und in ihren Zertifikaten wenig transparenter beruflicher Weiterbildung wird gemindert: Module könnten auch in der Weiterbildung eingesetzt werden. Die Anschlussfähigkeit hin zu einer ergänzenden und kompatiblen Weiterbildung – in der Perspektive auch an Hochschulen – ist prinzipiell gegeben. 4. Die Anschlussfähigkeit zu den entstehenden europäischen Strukturen im Rahmen des EQF/NQF bzw. ECVET wird ermöglicht. Mit der Einführung von Ausbildungsbausteinen in der dualen Ausbildung könnte somit grundsätzlich eine verbesserte horizontale und vertikale Integration der Ausbildung mit vor und nachgelagerten sowie parallelen vollzeitschulischen Bildungsangeboten erreicht werden. Die Integration würde durch eine nach Möglichkeit weitgehend einheitliche Gestaltung von Lerninhalten und Zertifizierungen in allen diesen Angeboten geschehen und nicht – wie bisher – dadurch, dass Übergänge zwischen heterogenen und oft wenig standardisierten Bildungsangeboten definiert werden. Dadurch können bestehende Probleme des individuellen Übergangs – mangelnde Anerkennung und/oder Anrechnung absolvierter Bildungsmaßnahmen, inkompatible Lerninhalte oder Verdoppelungen sowie institutionelle Barrieren – systematisch vermieden werden. Wir [Euler, Severing 2006] haben vorgeschlagen, Übergangsprobleme in der Berufsausbildung mit Ausbildungsbausteinen zu mindern, die in der Ausbildungsvorbereitung und optional auch in der regulären dualen Berufsausbildung zur Anwendung kommen. Ausbildungsbausteine sind abgegrenzte und bundesweit standardisierte Einheiten innerhalb der curricularen Gesamtstruktur eines Ausbildungsberufsbilds. Sie sind nicht klineinteilig: fünf bis acht Bausteine führen zum Berufsabschluss. Die einzelnen Bausteine entstehen aus einem ganzheitlichen Ausbildungsberufsbild, umgekehrt repräsentieren sie in ihrer Gesamtheit die Einheit des Berufsbilds. Erst die Absolvierung aller Bausteine begründet eine ganzheitliche, qualifizierte Berufsausbildung. Daraus ergibt sich, dass das Berufsprinzip als konstitutive Grundlage der dualen Berufsausbildung erhalten bleibt. Keines der von uns vorgeschlagenen Modelle sieht vor, auf eine Abschlussprüfung zu verzichten. Stets wäre ein betrieblicher Ausbildungsvertrag über die gesamte Dauer der Ausbildung abzuschließen und nicht nur für einzelne Ausbildungsbausteine. Es geht insofern auch nicht um Mikromodule, wie sie teilweise im englischen und schottischen NVQ-System zum Einsatz kommen. Eine solche Zersplitterung der Inhalte würde die Transparenz der Ausbildung verringern und nicht zu eigenständiger Handlungskompetenz einer Teilqualifikation führen. Ausbildungsbausteine wären aber nach Möglichkeit so zu schneiden, dass sich jeweils auf Tätigkeitsanforderungen beziehen und nicht nur in einer curricularen Struktur aufeinander. Es würde so ermöglicht, dass Maßnahmen der Ausbildungsvorbereitung auf solche Inhalte ausgerichtet werden, die in der Regel in den Ausbildungsbausteinen des ersten halben bzw. des ersten Jahres in einer dualen Berufsausbildung vermittelt werden und dass die Lernergebnisse zertifiziert und auf die Ausbildung unmittelbar angerechnet werden. Damit ergäbe sich für die nachfolgende betriebliche oder schulische Ausbildung ein klar definierter Einstiegspunkt. Es wäre nicht länger ungewiss, welche beruflichen Inhalte in der BAV überhaupt vermittelt wurden und wie sie der jeweilige Ausbildungsanwärter gemeistert hat. Das Dickicht der Berufsausbildungsvorbereitungsmaßnahmen wäre in diesem Punkt durch eine klare Output-Orientierung gelichtet. Für die Jugendlichen wären die Qualifizierungsziele auch in der BAV deutlich. Bei Betrieben könnten Vorbehalte gegenüber Teilnehmern einer BAV gemindert werden. Die Bedingungen für Kooperationen zwischen und mit den Trägern der BAV, die heute vor allem auf regionalen Netzwerkstrukturen und individuellem Engagement beruhen, würden systematisch verbessert. Dies hätte vor allem Vorteile für marktbenachteiligte Jugendliche, die in der Regel Ausbildungsbausteine komplett absolvieren würden. Andere Gruppen profitierten insoweit, als sie neben einer Betreuung und der Möglichkeit des Nachholens von allgemein bildenden Kompetenzen mit konsistenten und anschlussfähigen beruflichen Ausbildungsinhalten versorgt werden können. Diejenigen Jugendlichen, die nach einer BAV nicht in eine duale Ausbildung einmünden, verfügten über einen anerkannten und durch Betriebe nachvollziehbaren Nachweis einer beruflichen Teilqualifikation, der sie auf dem Arbeitsmarkt immerhin über den Status eines Ungelernten herausheben würde und der den Einstieg in das Beschäftigungssystem erleichtern könnte. Dadurch könnte auch die Einführung spezifischer Benachteiligtenberufe und damit eine Absenkung allgemeiner Ausbildungsstandards verhindert werden. Die Veränderungen zum Status quo bestehen in folgenden Punkten: • In der Ausbildungsvorbereitung für ausbildungsreife Jugendliche ebenso wie in der vollzeitschulischen Berufsausbildung würden grundsätzlich die gleichen durch die Ordnungsarbeit bundesweit standardisierten Inhalte in Ausbildungsbausteinen vermittelt wir in der betrieblichen Ausbildung. Außerbetriebliche Lernorte würden ihre Inhalte an die Ausbildung nicht nur anlehnen, sondern würden den gleichen Ansprüchen an die Qualität und die inhaltliche Ausgestaltung ihrer Bildungsangebote unterworfen wie Betriebe und Berufsschulen. Davon unberührt bleibt, dass für nicht ausbildungsreife Jugendliche sozialpädagogische Unterstützung und ergänzende Bildungsinhalte vermittelt werden müssen und dass dieser Bereich möglicherweise sogar noch ausgebaut werden muss, um Mängel der schulischen Bildung auszugleichen. • Die Zwischenprüfung würde auf die Grundqualifikationen bezogen und als vollwertigen (das heißt in die Bewertung einfließenden) Teil der Prüfung konzipiert. Im Ergebnis käme dies der ‚gestreckten Prüfung’ nahe, wie sie derzeit in zahlreichen Berufen erprobt wird. • Bei Ausbildungsabbruch soll den Auszubildenden die Möglichkeit gesichert werden, bereits absolvierte Ausbildungsbausteine durch eine Prüfung abzuschließen und sich verbindlich zertifizieren zu lassen. • Die innerhalb der Berufsausbildungsvorbereitung und paralleler Ausbildungsformen ausgebildeten Kompetenzen aus den Grundbausteinen sollen in denjenigen Lernorten geprüft werden, in denen die Maßnahmen durchgeführt werden. Voraussetzung für die Anrechenbarkeit einer solchen Prüfung als Teil der Abschlussprüfung in der Berufsausbildung sind Vorkehrungen zur Qualitätssicherung. • Möglichkeiten zur Differenzierung des Ausbildungsgangs über Fachrichtungen, Schwerpunkte, Wahlqualifikationen u. a. bleiben unverändert bestehen. Entsprechende Elemente würden aber stets als eigenständige Ausbildungsbausteine in den Ausbildungsgang integriert. Damit wäre auf lange Sicht eine berufsübergreifende Form der Strukturierung von Spezialisierungen geschaffen, die eine gemeinsame Beschulung bzw. betriebliche Ausbildung überlappender Inhalte verschiedener Berufe ebenso erleichtert wie eine wechselseitige Anrechnung. Einzelne Ausbildungsbausteine könnten von vornherein für verwandte Berufe gemeinsam formuliert werden, um 1. die betriebliche Ausbildung zu effektivieren, 2. die Zusammenlegung von Lerngruppen in den beruflichen Schulen zu erleichtern, 3. attraktive Mobilitätsoptionen für die Auszubildenden zu schaffen und 4. die Anschlussmöglichkeiten für Auszubildende nach einem möglichen Ausbildungsabbruch zu verbessern. Ausbildungsbausteine sollen auf Initiative des Bundesbildungsministeriums bis Anfang 2008 für elf wichtige Berufe des dualen Systems entwickelt werden und im Übergangssystem zwischen Schule und betrieblicher Ausbildung Anwendung finden: zunächst sollen sie Altbewerbern – deren Anteil an den bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Anwärtern auf eine betriebliche Ausbildung in diesem Jahr bei über 50% liegt – bessere Möglichkeiten des Übergangs in eine reguläre Ausbildung verschaffen. Nach einer erfolgreichen Erprobung in 25 Pilotregionen sollen Ausbildungsbausteine auch für Einstiegsqualifizierungen, bei der Qualifizierungsförderung für jüngere Arbeitnehmer und in der Nachqualifizierung eingesetzt werden. Die Bundesagentur für Arbeit hat ihrerseits ebenfalls Initiativen zum Einsatz standardisierte Teilqualifikationen entlang der geregelten Berufe angekündigt. Überlegungen zu Modellen einer anders strukturierten Ausbildung haben stets einen Mangel: Es sind zunächst nur Modelle. So lässt sich in der bildungspolitischen Diskussion in aufrichtiger oder polemischer Sorge um den Bestand eines funktionierenden Ausbildungssystems vieles an Bedenken und Befürchtungen zusammentragen, das gegen eine Realisierung sprechen könnte. Darüber wird allerdings gelegentlich vergessen, von welchen gravierenden aktuellen Funktionsproblemen der Berufsausbildung die Arbeit an solchen Modellen überhaupt ausgeht, und es wird aufpoliert, was tradiert ist. Ohnehin kann in der Berufsausbildung nicht qua Gesetz und Verordnung erzwungen – oder konserviert – werden, was am Bedarf der Akteure der Ausbildung: der Unternehmen wie der Jugendlichen, vorbeigeht. Politisch gesetzte Rahmenbedingungen, welche die Attraktivität der dualen Ausbildung für die Akteure beeinträchtigen, werden nicht befolgt, sondern umgangen: durch die Wahl alternativer Bildungswege und durch sinkende Ausbildungsbeteiligung. Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen, ob es in der praktischen Umsetzung gelingt, das Übergangssystem näher an die Duale Ausbildung heranzuführen und mehr Jugendlichen bessere Chancen zu verschaffen. " Zu Ihrer weiteren Information lesen Sie bitte: Euler, Severing 2006: Euler, D. Severing, E.: Flexible Ausbildungswege in der Berufsbildung. Bielefeld: W.Bertelsmann 2006 Autor dieses Beitrags: Prof. Dr. Eckart Severing, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb). severing.eckart@f-bb.de

Quelle:
Prof. Dr. Eckart Severing, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb)

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