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08.04. 2013

Jugendarmut

Hohes Verarmungsrisiko Jugendlicher

DGB gibt Analyse zum Verarmungsrisiko Jugendlicher raus: Der Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit hat bisher nichts daran ändern können, dass Jugendliche ein überdurchschnittliches Verarmungsrisiko haben. Im Dezember 2012 wurden trotz relativ guter Arbeitsmarktsituation über 250.000 arbeitslose Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren gezählt, doch auf Hartz IV angewiesen waren etwa drei Mal so viele junge Menschen in dieser Altersgruppe. Eine nicht gerade kleine Minderheit der Jugendlichen wächst im Hinterhof der Wohlstandsgesellschaft auf. Längst nicht alle zählen offiziell als arbeitslos. Um gegen Jugendarmut vorzugehen fordert der DGB eine konsequente Ausrichtung von arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Maßnahmen an den unterschiedlichen Lebensumständen der jungen Menschen. Gefragt seien neue Formen von Arbeiten und Lernen, die auch schulmüden Jugendlichen Mut machen können. Neue Formen praxisorientierter Qualifizierung seien notwendig. Dringend ausgebaut werden müsste die „nachgehende Betreuung“, um Abbrüche von Fördermaßnahmen zu verhindern und stabile Beschäftigung zu fördern. Die notwendige Bündelung aller Förderangebote sieht der DGB in dem Konzept der Jugendberufsagenturen gut umgesetzt. Alle Akteure würden wirksam vernetzt und das Vorankommen der Jugendlichen in Schule oder Beruf besser flankiert.
Auszüge aus der Analyse "arbeitsmartk aktuell" des DGB Bundesvorstands:

"Überblick über Arbeitslosigkeit und Hartz IV Bedürftigkeit Jugendlicher
Im Dezember 2012 zählte die offizielle Arbeitsmarktstatistik 251.834 Arbeitslose unter 25 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich ihre Zahl mit 5 Prozent weit stärker als die Arbeitslosigkeit insgesamt (mit einem Plus von 2,1 Prozent). Die nachlassende konjunkturelle Dynamik geht insbesondere mit einem Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit im Versicherungssystem einher. Bei den „marktnäheren“ Jugendlichen erhöhte sich die Arbeitslosigkeit im Vorjahresvergleich deutlich um 14,8 Prozent, während sie im Fürsorgesystem noch leicht niedriger ist als vor einem Jahr. Insgesamt sind aber nach wie vor fast 60 Prozent der arbeitslosen Jugendlichen auf Hartz IV angewiesen (rd. 142.000). Die Zahl der Jugendlichen im Hartz IV-System insgesamt geht aber weit über jene hinaus, die arbeitslos sind. Auch vielfältige andere Lebenslagen können zu Hartz IV-Bezug führen, soweit das eigene Einkommen bzw. das der Haushaltsgemeinschaft allein das gesellschaftliche Existenzminimum nicht sichern können. ...

Dabei ist etwa nur ein Fünftel der auf Hartz IV angewiesenen Jugendlichen arbeitslos. Fast ein Sechstel aller erwerbsfähigen Jugendlichen im Hartz IV-System geht einer Erwerbstätigkeit nach, zählt also zu den erwerbstätigen Aufstockenden. Absolut ist ihre Zahl mit rd. 125.000 allein fast ebenso hoch wie die der arbeitslosen Jugendlichen im Hartz IV-System. Sowohl im Osten wie im Westen ist die Zahl der hilfebedürftigen Jugendlichen etwa fünfmal höher als die der dort betreuten arbeitslosen Jugendlichen. ... Ein relativ großer Anteil der hilfebedürftigen Jugendlichen lebt in eher großstädtischen Regionen. Allein auf die 25 größeren Jobcenter entfallen mehr als ein Drittel der auf Hartz IV angewiesenen Jugendlichen. ...

Wie hoch ist das Verarmungsrisiko Jugendlicher?
Aussagefähiger als absolute Zahlen ist die Hilfebedürftigkeit in Abhängigkeit von der jeweiligen Bevölkerungsgruppe insgesamt. Bundesweit waren im August 2012 8,8 Prozent aller erwerbsfähigen jungen Menschen im Alter von 15 – 24 Jahren Hartz IV Empfänger/innen. Die Hilfebedürftigkeit liegt damit etwas höher als für alle Menschen im erwerbsfähigen Alter (und zwar um 0,5 Prozentpunkte). Bundesweit hat fast jeder elfte Jugendliche Hartz IV-Leistungen bezogen. ...

Neben den neuen Ländern ist das Hartz IV-Risiko in den Stadt-Staaten besonders hoch. Bei den westdeutschen Flächenstaaten zeigt sich ein enger Zusammenhang mit dem Niveau der Arbeitslosigkeit und einem deutlichen Nord-Süd-Gefälle. Insgesamt schwankt die Hilfequote Jugendlicher von 3,3 Prozent in Bayern bis 21,6 Prozent in Berlin. Bayern ist zudem das einzige Bundesland, wo die Hilfequote Jugendlicher niedriger ist als die aller erwerbsfähigen Hilfeempfänger/innen. Es folgt Baden-Württemberg, wo beide Quoten gleichauf liegen. In allen anderen Bundesländern sind Jugendliche stärker von Hartz IV betroffen als Erwerbfähige insgesamt. ...

Jugendliche Langzeitbezieher im Hartz IV-System
Besonders gravierend ist die Armutserfahrung, wenn sich der Hilfebezug bereits in jungen Jahren verfestigt. Besonders hoch ist der Anteil jugendlicher Langzeitbezieher gleichfalls in Stadtstaaten. Zu den erwerbsfähigen Langzeitbeziehern zählen statistisch all jene, die in den letzten 24 Monaten mindestens 21 Monate Hartz IV bezogen haben. ... Bundesweit sind fast 60 Prozent der hilfebedürftigen Jugendlichen weitgehend durchgängig in den letzten zwei Jahren auf Hartz IV angewiesen und in den Stadtstaaten bis zu zwei Drittel der Jugendlichen in Berlin. Zwischen den Bundesländern wie auch den Geschlechtern sind die Unterschiede aber relativ gering. ... Bei den jungen Frauen ist der Anteil der Langzeitbeziehenden meist geringfügig niedriger als bei den männlichen Jugendlichen. ...

Was tun gegen Jugendarmut?
Armut unter Jugendlichen ist keinesfalls mehr eine gesellschaftliche Randerscheinung. 1,2 Mio. junge Menschen im Alter von 15 – 34 Jahren sind immer noch hilfebedürftig. ... Diese Jugendlichen erfahren die gesellschaftliche Spaltung bereits in jungen Jahren ... Zwischen Armut und Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen gibt es aber keinesfalls einen mechanistischen Zusammenhang. Hilfebedürftigkeit ist meist nicht die Ursache ungleicher Lebenschancen, sondern oftmals Folge. ... Armut steht nicht am Anfang gesellschaftlicher Mangellagen, kann diese allerdings verstärken. Soweit diese Risikofaktoren sich jedoch addieren, können die negativen Effekte schnell kumulieren. Jugendliche im Umfeld des Hartz IV-System haben ein höheres Risiko für mehrfache Benachteiligung. ...

Arbeitsmarkt- und sozialpolitische Integrationsmaßnahmen müssen diesen
unterschiedlichen Lebensumständen der Jugendlichen Rechnung tragen. Individuelle und kreative Ansatzpunkte sind gefragt, die die gesamten Lebensumstände einschließlich des sozialen Netzwerks in den Blick nehmen. ... Präventive arbeitsmarkt-, sozial- und bildungspolitische Ansatzpunkte sind gefragt, die längerfristig weit wirksamer und erfolgreicher sind als kurzfristige kurative Maßnahmen. Dies wird aber nur dann gelingen, wenn die unterschiedlichen Politikbereiche besser zusammen wirken und auch die Bildungspolitik der Länder einen besseren Beitrag leistet, um auch alle Jugendlichen für die Herausforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten. ...

Wir brauchen ein Schulsystem, welches auf die frühzeitige Selektion verzichtet und anstelle des „Abschulens“ den Weg der individuellen Förderung, Wertschätzung und Kompetenzorientierung beschreitet. Dafür müssen die gebundenen Ganztagsschulen ausgebaut werden, und die Schulen benötigen eine adäquate Personalausstattung, die auch deutlich mehr Stellen für Schulsozialarbeiter/innen an Ganztagsschulen (40.000) mit Schwerpunkten in sozialen Brennpunkten umfasst. Zwar fördert dies der Bund in Ansätzen durch das Teilhabepaket, allerdings nur zeitlich begrenzt.

Die arbeitsmarktpolitischen Instrumente Berufsorientierungsmaßnahmen und Berufseinstiegsbegleitung (§§ 48, 49 SGB III) können einen zusätzlichen Beitrag zur Förderung von Jugendlichen mit besonderem Unterstützungsbedarf am Übergang von der Schule in den Beruf leisten. Da dies aber keine vorrangigen Aufgaben der Beitragszahlergemeinschaft sind, sollen die Länder für allgemeinbildende Schulen ein Gesamtkonzept zum Berufswahlprozess der Schülerinnen und Schüler vorlegen. Insbesondere leistungsschwächere Jugendliche benötigen frühzeitige und zusätzliche Förderangebote und intensivere Unterstützung beim Übergang Schule und Beruf.

Dringend abgebaut werden sollte ebenso die intransparente Förderlandschaft, die von Jugendlichen und ihren Eltern kaum durchdrungen werden kann. Ausgebaut werden muss hingegen die Vernetzung und Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure in der Jugend- und Berufshilfe. Als erfolgversprechend hat sich das Konzept der Jugendberufsagenturen erwiesen, das alle notwendigen Dienstleistungsangebote für benachteiligte Jugendliche unter einem Dach bündelt, die am Unterstützungsprozess beteiligten Akteure wirksam vernetzt und das Vorankommen der Betroffenen in Schule und Berufsbildung besser flankieren kann. Dieser Ansatz sollte gerade in den großstädtischen Regionen weiter ausgebaut und umgesetzt werden. Insbesondere Arbeitsförderung und Jugendhilfe sollten die regionale Abstimmung verbessern."

Die Publikation des DGB "arbeitsmarkt aktuell" in vollem Textumfang entnehmen Sie bitte dem Anhang.

Quelle:
DGB Bundesvorstand
Dokumente: